Frakturversorgung des Schultergürtels

Versorgung der Oberarmkopffraktur

Die am häufigsten auftretende Fraktur (Knochenbruch) am Schultergürtel ist die Oberarmkopffraktur (47% der Frakturen des Schultergürtels). Das Vorkommen dieser Fraktur ist mit dem Alter und dem Grad der Osteoporose vergesellschaftet und betrifft daher durchschnittlich 2-3mal häufiger Frauen als Männer.
In Abhängigkeit von der Anzahl der beim Oberarmkopfbruch entstandenen Fragmente, des Ausmaßes der Fragmentverschiebung und der Höhe des Frakturverlaufs wird die Verletzung in unterschiedliche Typen eingeteilt und unterschiedliche Verfahren zur Behandlung angewandt.
Man unterscheidet Typ-0-Frakturen als nichtverschobene "Einteil-Fraktur" von Typ-A-Frakturen als Zweifragmentfrakturen mit Abriss des großen Rollhügels (Tuberculum majus) oder des kleinen Rollhügels (Tuberculum minus). Des Weiteren gibt es Typ-B-Frakturen, die im chirurgischen Hals verlaufen und 2 bis 4 Frakturfragmente aufweisen können. Typ-C-Frakturen verlaufen im anatomischen Hals. Auch hier können sich 2 bis 4 Frakturfragmente finden (Abb. 57)

Abb. 57 Klassifikation der Humeruskopffraktur
Abb. 57 Klassifikation der Humeruskopffraktur

Unter Typ-X-Frakturen verstehen wir die vordere oder hintere Luxationsfraktur (Ausrenkung des Schultergelenkes mit begleitendem Knochenbruch). Nach der Schultergelenksreposition (Wiedereinrenkung) erfolgt die Einteilung dieser Fraktur zusätzlich gemäß Typ-A bis C.
Zudem grenzen wir die Kopfkalottentrümmerfrakturen (sog. Head-Splitting- und Impressionsfrakturen) ab.

Behandlungsziel

Ziel der Behandlung ist das schmerzfreie Erhalten des freien Bewegungsausmaßes des Schultergelenkes in Abhängigkeit vom Alter und Funktionsanspruch des Patienten. So ist das Behandlungskonzept individuell den Ansprüchen des Patienten anzupassen.

Behandlungsprinzipien

60-85% der Oberarmkopffrakturen sind Typ-0-Frakturen. Die nichtverschobene oder nur gering verschobene Oberarmkopffraktur (Typ-0-Fraktur)wird nicht operiert. Da dieser Frakturtyp durch die Knochenhaut, die Gelenkkapsel und die Muskulatur "geschient" wird, reicht eine Ruhigstellung im Schlauchverband für 7 bis 14 Tage bis zum Nachlassen der Schmerzen aus. Wichtig ist eine frühfunktionelle Übungsbehandlung, um eine Einsteifung des Schultergelenkes zu verhindern. Nach etwa 6 bis 8 Wochen ist der Knochenbruch wieder fest durchbaut.
Die Frakturtypen A bis C, Typ-X sowie die Oberarmkopftrümmerfrakturen zwingen jedoch durch die starke Fehlstellung und der damit verbundenen Bewegungseinschränkung und Schmerzen zur möglichst ursprünglichen Wiederherstellung des Oberarmkopfes durch eine Operation. Hierbei werden unterschiedliche Materialien zur Stabilisierung des Knochenbruches in Abhängigkeit vom Frakturtyp verwendet. So kann eine Fraktur entweder mittels Drähten, Schrauben oder Platten stabilisiert werden.

Abb. 58: Typ-B-I-Fraktur
Abb. 58: Typ-B-I-Fraktur

Abb. 59: Targonnagel
Abb. 59: Targonnagel

Abb. 60: Typ-B-Fraktur
Abb. 60: Typ-B-Fraktur

Abb. 61a: Typ B Fraktur
Abb. 61a: Typ B Fraktur

Abb. 61b: Röntgenbild nach Plattenosteosynthese
Abb. 61b: Röntgenbild nach Plattenosteosynthese

 Abb. 62: Typ B Fraktur mit Aussprengung des Tuberculum majus
Abb. 62: Typ B Fraktur mit Aussprengung des Tuberculum majus

Abb. 63: Röntgenbild nach Plattenosteosynthese
Abb. 63: Röntgenbild nach Plattenosteosynthese

Ist durch die Schwere der Verletzung jedoch mit Hilfe dieser Materialien keine schultergelenkfunktionserhaltende Operation möglich oder sind die versorgenden Gefäße des Oberarmkopfes zerstört, so dass die Wahrscheinlichkeit des Absterbens des Oberarmkopfes sehr hoch ist, besteht die Möglichkeit des Oberarmkopfersatzes durch eine Prothese (künstlicher Gelenkersatz). In den letzten Jahren wurden für diese Art des Gelenkersatzes spezielle Frakturprothesen entwickelt, die sich individuell auf die Fraktur abstimmen lassen. So ist der Prothesenkopf höhenverschiebbar, um eventuelle frakturbedingte Höhenverluste auszugleichen. Des Weiteren besitzt die Frakturprothese besondere Vorrichtungen, um die abgerissenen Rollhügel (Tub. majus und minus) an der Prothese in anatomischer Position zu refixieren. Dies ist wichtig, da an den Rollhügeln die Sehnen der Rotatorenmanschette ansetzen.
Eine Sonderstellung nimmt die Oberarmkalottentrümmerfraktur ein. Werden bei dieser Fraktur mehr als 40% der Gelenkfläche zerstört, ist auch hier der Gelenkflächenersatz mittels Oberarmkopfprothese (Abb. 66) angezeigt

Abb. 64:
Abb. 64:

Abb. 65: Typ C Fraktur mit Kalottentrümmerfraktur
Abb. 65: Typ C Fraktur mit Kalottentrümmerfraktur

Abb. 66: Röntgenbild nach Prothesenimplantation
Abb. 66: Röntgenbild nach Prothesenimplantation

Nachbehandlung

Die Nachbehandlung ist individuell durchzuführen. Ebenfalls sind die Dauer der Arbeitsunfähigkeit und der Zeitpunkt der Wiederaufnahme des sportspezifischen Trainings von der Verletzung und von dem gewählten Operationsverfahren abhängig.

 


ATOS KLINIK HEIDELBERG

Prof. Dr. med.
Peter Habermeyer
Dr. med. Sven Lichtenberg
Prof. Dr. med. Markus Loew
Dr. med. Petra Magosch

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